• Thomas A. Herrig

Konzertkritik Grigory Sokolov

Aktualisiert: 4. Mai

Für den Tagesspiegel rezensiere ich das Konzert von Meisterpianist Grigory Sokolov in der Berliner Philharmonie:

Am Anfang ist es dunkel, man kann kaum die Hand vor Augen sehen. Ein gespanntes Warten erfüllt die Philharmonie. Dann betritt ein Mann die Bühne, schreitet zielstrebig zum Flügel, verbeugt sich kurz und beginnt so unvermittelt wie beiläufig in die Dunkelheit zu spielen.


Wollte man an diesem Abend schon jetzt, in der ersten Minute des Konzerts von Meisterpianist Grigory Sokolov, eine Bilanz ziehen, sie würde lauten: Es geht weder um Eitelkeiten noch Starallüren, sondern nur um die Musik. Das Publikum soll nicht sehen oder fotografieren, sondern einfach nur zuhören.


Und das Zuhören überzeugt. Der 72-Jährige tänzelt im ersten Teil durch Beethovens "Eroica-Variationen", mal ganz sanft und zart, dann wieder eigenwillig, fast exzentrisch und oft so humoristisch verschmitzt, dass man am liebsten ständig lächeln möchte.


Brahms' Intermezzi sind ein Höhepunkt des Abends

Was sein Spiel besonders macht: die leichten Momente. Seine Zwischentöne sind groß, leuchtend klar wie eine Sternennacht. Und ein Finale furioso folgt, wenn Sokolov an jene Fuge gelangt, die Beethoven ans Ende stellt bei diesen Variationen über ein Thema, das er nicht nur in der dritten, heute namensgebenden Sinfonie verwendet, sondern bereits in den "Geschöpfen des Prometheus".


Zu Höchstform läuft der Pianist dann mit den "Drei Intermezzi" op. 117 von Johannes Brahms auf, die er mit träumerischer Weite so sehnsuchtsvoll in den Saal bringt, dass sie implizit ein Brahms'sches Wort, vielleicht sogar Lebensmotto, erfüllen: "Frei, aber einsam." Seine Kompositionen, auch im Rückgriff auf Herders "Stimmen der Völker", beschrieb Brahms mit den Worten: "Es sind drei Wiegenlieder meiner Schmerzen."


Alles ist im besten Sinne romantisch

Doch Sokolov gelingt es an diesem Abend, nicht nur die Einsamkeit eines alternden Komponisten in seinem Domizil in Bad Ischl klanglich aufs Tableau zu bringen; bei ihm werden die Brahms-Kompositionen melancholisch, aber lieblich und vor allem: schön. Ein Gefühl, als wenn es Sterne regnet.


Mit Robert Schumanns "Kreisleriana" op. 16 steigert Sokolov sein Spiel schließlich im zweiten Teil des Konzerts ins Energische, Hochvirtuose. Alles ist ineinander verschlungen, rhythmisch treibend, lyrisch - im besten Sinne romantisch.


Es sind Stücke, über die Robert Schumann selbst sagte: "Sie werden Ihnen ein Bild meines Charakters, meines Strebens geben" und die er in Anlehnung an den literarischen Kapellmeister Kreisler aus dem Werk von E. T. A. Hoffmann schuf. Dieser gilt als die Künstlerfigur der Romantik überhaupt.

115 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen