• Thomas A. Herrig

Leitmotiv reloaded?

Aktualisiert: 24. Mai 2020

Wilder, Wagner und „The Apartment“ (1960)

eine Filmmusikrezension

Stern von Billy Wilder auf dem Boulevard der Sterne

Wer glaubt, bei „The Apartment“ von Billy Wilder lediglich auf eine popkornkino-prototypische Romantikkomödie zu treffen, wird überrascht sein. Und das vor allem musikalisch.


Was ist passiert?


Der Film erzählt die Geschichte des kleinen Versicherungsangestellten C. C. Baxter, der sich in einer echten Zwangslage befindet: Abend für Abend muss er das eigene Apartment seinen Vorgesetzten als quasi Stundenhotel zur Verfügung stellen, damit diese vergnüglich ihren romantischen Ausschweifungen mit wechselnden Frauen nachgehen können.


Man mag einwenden, dass Baxter zu dem ganzen Treiben einfach nein sagen könnte, aber so ein Mensch ist er nicht – zumindest war er es in der Vergangenheit nicht. Außerdem lockt man ihn mit baldigen Beförderugen, Baxters Aufstieg vom 19. in den 27. Stock gelingt dementsprechend rasant. Und ehe er sich versieht, ist er stellvertretender Direktor mit holzvertäfeltem Panorama-Büro.


Soweit so gut, wäre da nicht die Menschlichkeit und letztlich auch die Liebe. Und wie schon in Aristoteles‘ Poetik vorgesehen, führt Wilder seinen Helden zur gleichsam kathartischen Läuterung: Baxter erkennt, dass er in einer Scheinwelt lebt und als er das Apartment dann auch noch seinem Boss Sheldrake für ein romantisches Tête-à-Tête mit seiner heimlich großen Liebe Fran zur Verfügung stellen soll, spitzt sich die gesamte Handlung in einem Moment zu: Wieder einmal den Schlüssel herausrücken, um der lieben Karriere willen? – Oder jenes Wort sagen, das einem wie Baxter nie über die Lippen kommt: Nein.


Es sind spannende Fragen über die Natur von Angepasstheit, Duckmäusertum und Persönlichkeitsent­wicklung, die der vielfach oscarprämierte Film aufwirft. Können wir unsere Persönlichkeit verändern? Ein scheinbar fremdbestimmtes Schicksal selbst in die Hand nehmen? Und: Ist privates Glück eigentlich vom beruflichen abhängig?


Allein der Beschäftigung mit diesen zu Grunde liegenden philosophischen Problemen (und dem aus heutiger Sicht problematischen Frauenbild des Films) könnte man nun reichlich viele Abhandlungen widmen – ohne dabei jedoch dem komplexen und für eine romantische Komödie überaus revolutionären Einsatz von Musik in diesem Film gerecht zu werden.


Denn: In einem gelungenen Rückgriff auf Richard Wagners Leitmotivik reflektieren, kommentieren und vorausdeuten vor allem drei besondere Musikstücke die Handlung des Films: „Magdalena“, „Jealous Lover“ und „Auld Lang Syne“. Alle drei Stücke werden wie bei Wagner als erinnernde Erkenntnis­vertiefungen zum und über den Inhalt eingesetzt, also, um die „dichterische Absicht“ (Wagner) zu unterstützen.


Aber der Reihe nach:

LEITMOTIV-STÜCK 1: „MAGDALENA“ (Benny Moré, Ary Macedo, Ayrton Amorín)


Wann immer im Film die Herren Vorgesetzten ihren Liebeleien in Baxters Apartment nachgehen, ist ihr erster Griff der zum Plattenspieler. Dann erfüllen leichte latein-amerikanische Rumba-Klänge den Raum, wir hören das Stück „Magdalena“.


Der Titel lässt Unbeschwertheit vermuten, genauso aber auch Flüchtigkeit anklingen. Immerhin sind es streng genommen vor allem Affären, die wir hier beobachen, sobald die Musik beginnt. Wir sehen eben nicht nur den koketten Flirt, das Wechselspiel zwischen Mann und Frau, sondern werden auch Zeuge des einen oder anderen (angedeuteten) Seitensprungs, der im Kontext der gesellschaftlichen Moralvorstellung damaliger Zeit höchstwahrscheinlich auch zum Vertrauensbruch wird.


„Sie betrugen sich heiter […] als ob nichts sei“, mag man da mit den Worten Erich Kästners denken. Und sobald wir wieder die lateinamerikanischen Klänge hören, wissen wir, was gespielt wird.


In jedem Fall ist dabei auffällig, dass die Figuren selbst ihr Treiben musikalisch kommentieren: Denn indem sie die Musik innerhalb der Filmhandlung manuell auf einem Plattenspieler starten, lösen sie diese vom auskomponierten, filmmusikalischen Score und bringen damit das jeweilige Leitmotiv-Stück auf eine (voraus)deutende Meta-Ebene. Und das wahrscheinlich sogar noch konsequenter als von Richard Wagner beabsichtigt.


LEITMOTIV-STÜCK 2: „JEALOUS LOVER“ (Charles Williams)


Die wohl tragischsten Szenen des Films umspielt dann das lieblich, spätromantisch-wechselhafte Thema von „Jealous Lover“, einem Stück, das im Nachgang des Films noch 1960 zum Hit wird und Platz 10 der US-amerikanischen Billboard-Charts erreicht.


Es ist die bittersüße Referenz auf die Wechselhaftigkeit von Leidenschaft und Liebe: Fran und der oberste Boss Sheldrake waren einst ein Paar. Doch Sheldrake ist verheiratet und obwohl er Fran mit der Aussicht einer baldigen Scheidung lockt, bleiben doch Zweifel an seiner Aufrichtigkeit. Zweifel, über die Fran gutgläubig und liebesblind hinwegsehen will. Doch die (Meta-)Musik kontrastiert die Szene. Zweimal spielt der Pianist der Bar, in der sich beide heimlich treffen, „Jealous Lover“ an, zwei Mal werden wir gewarnt: Das kann nicht gut gehen.


Und wenn Fran später einen Selbstmordversuch unternimmt, die Platte von „Jealous Lover“ in greifbarer Nähe, belegt die Handlung, was musikalisch bereits vorausgedeutet wurde: Die Leichtigkeit der Leidenschaft ist inzwischen zur erwartungsgebrochenen Beziehungstragik geworden.


Jetzt? Brauchen wir Hoffnung!

LEITMOTIV-STÜCK 3: „AULD LANG SYNE“

(Folk-Traditional, nach einem Gedicht von Robert Burns)


Ein dritter, zentraler Leitmotiv-Einsatz von Musik ist die alles entscheidende Schlusswendung des Films. Nach turbulenten Verwicklungen sitzen Fran und Sheldrake wieder in einer Bar. Der Pianist stimmt an und zur Verabschiedung des alten Jahres singen alle gemeinsam das Folk-Traditional „Auld Lang Syne“.


Wirklich alle singen mit – nur Fran nicht. Die Musik und besonders der Liedtext bilden dabei ihre fast greifbar scheinenden Denkprozesse ab: Ganz wie es „Nehmt Abschied Brüder“ (so die deutsche Übersetzung) vermuten lässt, scheint sie der „guten alten Zeiten“, der „alten Vertrautheit“ ein letztes Mal zu gedenken, um sich dann endlich davon zu lösen. Und schon in der nächsten Einstellung sehen wir, wie sie – zugegebenermaßen recht pathetisch – zur Wohnung von C. C. Baxter eilt.


Doch wieder wendet sich die Musik und wird nun zur Synthese zweier Leitmotive: „Auld Lang Syne“ geht über in „Jealous Lover“. Dann hören wir einen Schuss. Die musikalisch vorausgedeutete Befürchtung: Fran könnte zu spät kommen und Baxter den Freitod aus unerfüllter Liebe gewählt haben.


Wie auch in vielen Wagner-Opern steht hier zum Schluss die eine große Frage im Raum: Gelingt es der Liebe am Ende alles zu überwinden?


Und auch damit geht der Film genauso ungewöhnlich und unerwartet um, wie mit seiner Musik. Aber anstatt nun, dieses Artikels zuliebe, das Ende von „The Apartment“ einfach zu spoilern, begibt sich auch der Verfasser des Texts auf eine leitmotivische Meta-Ebene, in dem er (nur) zusammenfassend resümiert:


Auf das filmische Gesamtkunstwerk „The Apartment“ von Billy Wilder wäre Richard Wagner wohl sehr stolz gewesen.


Foto: Stern von Billy Wilder auf dem Boulevard der Sterne in Berlin (Anteeru, 2012)

Lizenz: CC BY-SA 3.0

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