• Thomas A. Herrig

Sanfter Gipfel der Giganten

Rezension zum Album "Bernhard Theater Zürich, 05.10.1992" (Paul Kuhn & Eugen Cicero)

Fast 30 Jahre lang ist vergessen, dass es da noch zwei Kassetten gibt. Zwei Tonband-Kassetten, die Zeugen sind eines sanften Gipfeltreffens der Giganten: Bandleader- und Ausnahme-Jazzpianist Paul Kuhn trifft auf Crossover-Pionier und Improvisationsgenie Eugen Cicero. Zwei Musiker an zwei Flügeln. An einem Abend in Zürich, 1992.


Ein musikalisches Experiment mit offenem Ausgang. Und wer den Jazz kennt, der weiß, wie entscheidend Empathie und gutes Miteinander sind. Die beiden hier im Souterrain des Züricher Opernhauses, die haben aber, was es braucht: Eine ordentliche Portion Nähe – beide kennen sich gut aus der gemeinsamen Zeit bei der SFB Big Band – und viel Liebe zur Musik. „Ich freu mich sehr, dass wir beide mal wieder ganz allein […] hier musizieren können. Es macht einen ungeheuren Spaß, wie Sie gemerkt haben, werfen wir uns die Bälle so ein bisschen zu“, schmunzelt Paul Kuhn zur Eröffnung.


Und wenn sie um die Wette spielen – Kuhn im linken Stereo-Kanal, Cicero rechts – dann machen die beiden das mit Herzblut und Finesse. Der Linke immer swingend, amerikanisch locker („The Preacher“), manchmal singt er auch ganz relaxed („My Funny Valentine“). Und der Rechte hochvirtuos in seinem gewohnt raffinierten Stil, der mal eben so alles von Bach bis Chopin („Prelude E-Minor“) mit Jazz und Pop des 20. Jahrhunderts („Sunny“) verbindet. Ein Höhepunkt ist sicher das Schlussbattle über „Glory, Glory Halleluja“.


Fragt sich also nur noch, wem sich dieses verschollene Schätzchen empfehlen lässt? Denn wer den großen Knall erwartet, wird enttäuscht. Erstens: Zwei Flügel gleichzeitig und NUR zwei Flügel, das muss man mögen. Klingt nicht schlecht, aber ungewohnt ruhig, es fehlt ein bisschen der Rhythmus. Zweitens: Wer Fan von Paul Kuhn ist bzw. Eugen Cicero (der dieses Jahr übrigens 80 geworden wäre) – komplettiert die eigene Sammlung mit der Aufnahme, also: Kaufempfehlung! Drittens: Wer noch Fan werden will, greift vielleicht lieber erst mal zu „Play It Again Paul“ bzw. „Rokoko-Jazz“ und hört sich die beiden Virtuosen genüsslich nacheinander an. Sicher ist sicher.


Paul Kuhn & Eugen Cicero – "Bernhard Theater Zürich, 05.10.1992“ (IN+OUT Records, 04/2020)

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