• Thomas A. Herrig

Sinfonie der Anmutung

Aktualisiert: 6. Juli 2020

Warum Owen Palletts neues Album „Island“ klingt wie der Aufbauspiel-Klassiker ANNO 1404

Was für eine Insel! Ich stehe an Deck meines Zweimasters und lasse den Blick in die Weite schweifen. Vor mir unentdecktes neues Land. Und ein Album des kanadischen Violinisten und Sängers Owen Pallett.


In eine neue Welt.

Wenn ich es nicht besser wüsste, ich müsste schwören, dieser Owen Pallett hätte mit seinem neuen Album „Island“ einfach mal einen alternativen Soundtrack für das legendäre PC-Spiel ANNO 1404 vorgelegt.


Für alle, die es nicht kennen, so viel vorweg: Als Spieler sticht man im Jahr 1404 in See, um neue Welten zu entdecken und zu besiedeln. Man sucht sich auf einer schier unüberblickbar großen Karte eben jene Insel aus, die das Herz begehrt und geht an Land. Dann werden Ressourcen gesammelt, emsig wird gebaut und eine kleine, feine Siedlung entsteht. Wer will, kann sie mit viel Zeit, Geduld und tapferer Ausdauer bis zur großstädtischen Kaiserdom-Metropole ausbauen.


Das alles geschieht, untermalt von einem unverkennbar orchestrierten, episch-klassischen Soundtrack. Und Palletts „Island“ ist das verblüffende Album, das in mir eben dieses Gefühl wieder weckt: Die Sehnsucht nach einer entspannten Partie ANNO 1404.


Spiel starten.

Mit dem so eigenwillig benannten Track „---> (i)“ beginnt meine Reise auf See, verankert in melancholisch-ruhigen Klavierakkorden. Akustik-musikalische Weite bringt ein Gefühl von Freiheit. Dass dieses Gefühl so schnell entsteht, liegt wohl ebenso an der hohen Aufnahmequalität des Albums, das Pallett gemeinsam mit dem London Contemporary Orchestra in den legendären Abbey Road Studios produziert hat. Ein Sound, der sicher auch Klassik-Fans überzeugt.


Doch zurück zum Spiel: Wie im Original finde ich ziemlich bald – also schon im zweiten Track „Transformer“ – eine Insel, die zu mir passt. Hier kann ich an Land gehen und neu beginnen. Einsam, isoliert, aber irgendwie auch hoffnungsvoll. Sicher, es gibt noch nichts, keine Straßen, Brücken oder Häuser, aber die sanften Gitarrenklänge im Folkmusic-Stil beruhigen mich: Was braucht es auch schon im Leben!? Ich glaube mit Pallett antworten zu können: So viel weniger als man denkt.


Eine positiv-ruhige Ländlichkeit. Wenn dann auch noch Owen Pallett mit seiner klaren, perwollweichen Stimme zu singen beginnt, würde ich am liebsten tiefberuhigt seufzen: Allein – und weit und breit kein Gegner in Sicht.


Doch schon mit „Paragon Of Order“ setzen musikalische Dissonanz-Effekte in den Streichern ein. Ganz so, wie man sie aus den Kompositionen von György Ligeti kennt (am bekanntesten natürlich die in „2001: Odyssee im Weltraum“). Will heißen: So einfach wird’s dann doch wohl nicht, mein Freund! Und alle klangliche Beschaulichkeit, die bis hier vielleicht eine Spur zu sehr Coldplay referiert – wird von eben diesem Hauch Ligeti zu Recht gestört. Was wäre das Leben ohne Schwierigkeiten!


Im nächsten Level.

„---> (ii)“ Ein Stück mit nur 24 Sekunden Länge erinnert nicht nur an die hochverdichteten Kürzest-Kompositionen von Anton Webern, sondern bedeutet auch Ärger. Den bringt „The Sound Of The Engines“ endgültig mit einer vorausdeutenden Schwere. Veränderung steht also unmittelbar bevor.


Bei ANNO 1404 hieße das jetzt: Die Bevölkerung meiner Insel hat sich weiterentwickelt. Wo einst noch ein Dach über dem Kopf, Werkzeug und Grundnahrungsmittel genug waren, um glücklich zu sein, verlangt man jetzt nach mehr. Kaffee, Wein, Pelze und Brokat müssen her!


Und kann man diese Premium-Güter nicht beschaffen, droht der schmerzhafte Stillstand. Ich selbst stehe angeregt durch die Musik vor noch größeren Fragen: Was will ich hier eigentlich? Welche Ziele verfolgen? Außerdem: Ist diese Insel alles, was es gibt?


Bevor ich genauer darüber nachdenken kann, säuselt aber „Perseverance Of The Saints“ schon wieder stabil vor sich hin. Ich verstehe: Einfach weitermachen, nicht so viel nachdenken. Palletts Stimme erledigt den Rest und trägt mich hinüber in den ruhig-freundlichen „Polar Vortex“. Perfekt! So kann es bleiben.


Aber nichts bleibt, wie es war.

Pauken. Dumpfes Donnergrollen. „---> (iii)“ bringt orchestriertes Unheil. Es wird wieder komplizierter. „Started drinking on the job“, damit setzen die Lyrics von „A Bloody Morning“ ein. Und wer schon einmal die Geschicke so einer ganzen Insel bestimmt hat, der weiß: Verantwortlich zu sein, für das Wohlergehen der Bevölkerung, der immer neue Kampf um Ressourcen, das ist alles gar nicht so einfach. Oder in den Worten des unsterblichen Barden William S.: „Schwer ruht das Haupt, das eine Krone drückt.“ Die Komposition tut ihr übriges und saugt mich magisch weg in den Strudel von Sorgen und Zweifel. Das gelingt ihr gerade hier besonders gut durch den Einsatz unheilvoll-mäandernder Streicherbewegungen und klassisch-präziser Schlagzeug-Rhythmen im Stil von zeitgenössischem Jazz.


Grenzen werden fließend.

Was funktioniert und was nicht, das kann sich schnell ändern. Bei ANNO 1404 würde das bedeuten: Jederzeit kann irgendwo auf meiner Insel ein Feuer ausbrechen. Und tatsächlich: Es brennt! Die Siedlung steht in Flammen! Ich muss schnell löschen, sonst droht die vollständige Zerstörung durch den Großbrand. Als wäre Owen Pallett jetzt mein LAN-Party-Buddy, nennt er den nächsten Track: „Fire Mare“.


Und es hat gewütet, dieses Feuer. So vieles ist ihm zum Opfer gefallen. Aber meine Siedlung steht noch, was ja irgendwie auch Grund zur Freude ist. Die freundlichen Gitarren kehren zurück, also Wiederaufbau. Mit Augenmaß und Ruhe. Macht ja auch Spaß. Blöd nur, dass dieser Track schon wieder auf Ligeti endet. Heißt leitmotivisch-vorausdeutend: Da kommt noch was. Aber jetzt noch nicht, denn: „Lewis Gets Fucked Into Space“. Ist wohl positiv gemeint. Zumindest klingt es so.


Abspeichern und beenden.

Was fange ich jetzt an, mit dieser merkwürdigen Partie ANNO 1404 in meinem Kopf zur Musik von „Island“? Das kann mir auch der nächste Track „---> (iv)“ nicht sagen, der im Stil von Dvořáks „Aus der Neuen Welt“ zu „In Darkness“ überleitet, dem (für mich) kompositorischen Abschluss. Aber ein Abschluss mit so vielen ungeklärten Fragen. Wie eine Partie des Spiels, bei der man mittendrin abspeichert, aufsteht und einfach geht. Das mache ich jetzt auch: Spiel beenden.


Und meine Empfehlung zum Album?

Sagen wir es so: Wer gerne auf einsamen Inseln mit dem Feuer spielt, die Bürde zivilisatorischer Verantwortung freiwillig trägt und ganz gut zu Ligeti-hafter Dissonanz entspannen kann, dem empfehle ich eine Partie „Island“, ANNO 1404 oder am besten gleich beides zusammen.


Foto: Skellig Michael, Irland (Michael @michael75)

81 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Zurück zum Swing

Neustart

I sometimes send newsletters.

© 2021 by Thomas A. Herrig