• Thomas A. Herrig

Thielemann, Tom Cruise und Tanz

Das Online-Festival „Die Goldenen Zwanziger“ geht mit einem überraschenden Abschlusskonzert zu Ende – und ist ab sofort in der „Digital Concert Hall“ verfügbar.

Es beginnt mit einem Paukenschlag: Gastdirigent Christian Thielemann am Pult, die Berliner Philharmoniker in konzertant-konzentrierter Anspannung, ein kraftvoller Bläser-Satz – sofort wird man eingesaugt. „Neues vom Tage“ heißt diese Ouvertüre von Paul Hindemith. Sie eröffnet ein bemerkenswertes Abschlusskonzert beim Online-Festival „Die Goldenen Zwanziger“ in der „Digital Concert Hall“.

Das digitale Publikum findet sich klanglich wieder in einer geschäftigen Welt des Umbruchs und Wandels, mit Stücken – „Raritäten der Moderne“ –, die geradezu bestechen „in der Durchhörbarkeit“, wie Thielemann im Pausen-Interview erklärt. Sichtlich Freude bereitet es ihm, mit den ausgewählten Werken für das „vermeintlich atonale 20. Jahrhundert“ zu werben oder besser: zu begeistern.

Und so folgt ein „Tanz-Walzer für Orchester“ (op. 53) von Ferruccio Busoni, den man am liebsten – frei nach Johann Strauß – „An der schönen blauen Spree“ taufen möchte. Ein Orchesterstück, uraufgeführt vor genau 100 Jahren und inspiriert durch Musik, die aus einem Berliner Kaffeehaus nach außen dringt. Der Vergleich mit Maurice Ravels berühmtem „La Valse“ bietet sich (auch entstehungszeitlich) an, wenn Klänge durch einen träumerisch-mystischen Nebel so plötzlich wie leuchtend hell hervortreten. Thielemann tanzt mit, am Dirigentenpult, erst etwas schüchtern, schelmisch – dann ordnet er die schnellen Tempi des Orchesters und wirkt dabei, als lenke er ein gutes, altmodisches Wasserballett in einem Hollywood-Film der 1940er Jahre.

Danach geht es tatsächlich im Dreivierteltakt nach Wien: Das „Künstlerleben“, der bekannte Strauss-Walzer, trägt majestätisch und etwas melancholisch weiter, während der Dirigent an seinem Pult die Einsätze mit einer zunehmenden Begeisterung verteilt, dass man meint, er wäre der Teenager-Tom Cruise aus „Risky Business“, der zu „Old Time Rock’n‘Roll“ durch die Wohnung improvisiert.


Auf so viel „Krachledernes“, wie Thielemann in der Pause selbst sagt, folgen schließlich Kunstlieder von Richard Strauss, gesungen von der wunderbaren Camilla Nylund, die mit höchster Klarheit im Ausdruck überzeugt. Sie singt ein frohes „Ständchen“ (op. 17 Nr. 2), bringt das Publikum durch eine „Freundliche Vision“ (op. 48 Nr. 1) „in den Frieden, / Der voll Schönheit wartet, dass wir kommen“, stimmt mit „Allerseelen“ (op. 10 Nr. 8) nachdenklich und reißt mit, in jener berühmten „Zueignung“ (op. 10 Nr. 1), die hier nicht fehlen darf.

Was jetzt – im zweiten Teil des Abends – folgt, ist Bonus: der Strauss Liederzyklus „Die Tageszeiten“, in der ungewöhnlichen Besetzung für Männerchor und Orchester (op. 76), basierend auf Gedichten Joseph von Eichendorffs. Die vier Stücke beschreiben einen einzelnen Tag vom Morgen über „Mittagsruh“ bis hin zu Abend und Nacht. Facettenreich lassen die Sänger des Rundfunkchors Berlin die Morgensonne strahlen – und wieder hinter den Wolken verschwinden –, das Orchester bettet die Zuhörerinnen und Zuhörer schließlich weich und wiegt sie auch in den Schlaf: „So will ich treu verträumen / Die Nacht im stillen Wald.“ Oder, in den Worten Christian Thielemanns: „Je länger der Abend dauert, desto ruhiger wird es.“

Die Konzerte des Online-Festivals „Die Goldenen Zwanziger“ stehen ab sofort in der „Digital Concert Hall“ der Berliner Philharmoniker zum Streamen bereit, ein Ticket für 7 Tage kostet 9,90€.

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