• Thomas A. Herrig

Transformiert Euch?!

Aktualisiert: 24. Mai 2020

„Wir sind die erste Generation, die in diesem Beruf alt wird.“


Die Gründergeneration der freien Theaterszene in Deutschland erreicht das Rentenalter. Aber was bedeutet das konkret? Über diese und andere Fragen der Transformation diskutiert man beim Bundesverband Freie Darstellende Künste (BFDK) im Rahmen des Bundeskongresses in Berlin (16.-19. Januar).

Im schwarz-modernen Theatersaal des Hebbel am Ufer – HAU2

„Transformiert euch?!“ steht über der Diskussionsrunde, die am Freitagabend beim BFDK-Bundeskongresses „UTOPIA.JETZT“ auf ein Novum verweist: Die Gründergeneration der freien Theaterszene in Deutschland erreicht das Rentenalter.


Aber wie umgehen mit diesem Erbe, den Errungenschaften einer ganzen Generation? Und sind die etablierten Strukturen überhaupt zukunftsfähig?


„Das Erbe vererbbar machen“, darin sieht Elisabeth Bohde, Bundesvorstandsmitglied beim BFDK und Leiterin der Theaterwerkstatt „Pilkentafel“ in Flensburg die anstehende Aufgabe. Gleichzeitig betont sie die prekäre Situation des freien Schauspiels am Beispiel ihres Bundeslandes:


„Es gäbe in Schleswig-Holstein gar kein freies Theater, wenn wir nicht so aufopferungsbereit wären.“

Viele Aufgaben der Pilkentafel müsse sie zwangsläufig in Personalunion übernehmen, mit hohem individuellem Einsatz. Das mache die Übergabe der Verantwortung an die nächste Generation so herausfordernd. Nach der Rente zu fragen sei übrigens zynisch, ergänzt sie dann im Kontext von Honoraruntergrenzen und geringer finanzieller Mittel. Außerdem sei niemand davon ausgegangen, in diesem Beruf einmal alt zu werden.


„Ich habe nie darüber nachgedacht, dass ich irgendwann aufhöre, Künstler zu sein.“

Das sagt auch Joachim von der Heiden vom freien Theater „Monteure“ in Köln. Den Transformationsprozess sieht er ebenfalls kritisch, da einerseits Produktionen allzu oft von zeitlich begrenzter Projektförderung abhängig seien und die jüngere Generation andererseits zu häufig – und damit wenig verlässlich – „Projekthopping“ betreibe.


Katrin Hylla, Moderatorin der Diskussionsrunde, außerdem Regisseurin und Theaterpädagogin, nimmt das zum Anlass, nach dem Verhältnis der Generationen zueinander zu fragen: „Risikoscheu wäre so’n gutes Label für mich“, antwortet der freie Dramaturg und Produzent Martin Bien, stellvertretend für die Jüngeren. Das bedeute für ihn aber nichts Negatives, stellt er klar, sondern sei vor allem kritische Selbstbefragung und sichere das finanzielle Überleben. Man müsse eben schauen, wie viel Zeit man in ein Projekt investieren könne, bzw. welchem Projekt man Vorrang gebe. Auf eine Zuspitzung Hyllas formuliert er:


„Wir können euer Theater nicht übernehmen, so lange das bedeutet, dass wir in der Stadt, in der das Theater steht, auch leben müssen.“

Mit der Frage „Wer ist in Zukunft unser Publikum?“ bringt Maria Gebhardt dann die Perspektive der Zuschauer in die Diskussion ein. Als Geschäftsführerin des Landeszentrums Spiel & Theater Sachsen-Anhalt sehe sie besonders den Bedarf für ein „intergeneratives audience development“, also eine generationenübergreifende Weiterentwicklung im Hinblick auf die Zuschauer von morgen und die Form des Theaters, die sie anspreche. Auch deshalb sei der Transformationsprozess „auf gar keinen Fall überstülpend, sondern in Verhandlung“ zu gestalten.


Die rund 60-minütige, sachlich-nüchterne Diskussionsrunde resümiert Elisabeth Bohde unter begeistertem Applaus des Publikums: Damit auch die freien Theaterveteranen ein „Recht auf Zukunft“ behielten, müsse neben Innovation genauso Kontinuität Bedingung der Transformation sein. „Man wird ja nicht freiwillig mit Begeisterung älter.“


Hintergrundinformation:

Der Bundesverband Freie Darstellende Künste, der 2020 sein 30-jähriges Bestehen feiert, repräsentiert nach eigenen Angaben rund 25 000 Theater- und Tanzschaffende in Deutschland. Er will Impulsgeber für Diskurse sein, fachlichen Austausch fördern und die Öffentlichkeit über die Entwicklungen und Themen der freien Szene informieren.

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