• Thomas A. Herrig

Wenn ich Thomas Bernhard wäre

Aktualisiert: 24. Mai 2020

eine Verbeugung


Wenn ich Thomas Bernhard wäre, dann hätte ich nach einem einzigen Blick auf die Konzertkarten für den heutigen Abend nicht nur die Hände, sondern gleich auch alle Worte, die mir einfielen, schreckstarr in die Luft geworfen.


Das läge dann gleichsam nicht so sehr daran, dass ich ein klassisches Konzert besuche, wie viele Wiener es dieser Tage gedankenverloren tun, sondern es läge an dem entsetzlichsten Ding, das uns Menschen von beinahe jeder seinszuträglichen und melancholielösenden Aktivität meilenweit fernhält, der Angst. Meiner Angst vor dem sogenannten Gläsernen Saal, ja, bloß ein Saal, vielleicht sogar einer der harmlosesten Säle auf der Welt, den ich aber, zu meiner allgemeinen Verängstigung, nie zuvor besucht habe und der irgendwo im Keller des Wiener Musikvereins, gefühlt mindestens ein bis zwei Kilometer tief in der Erde, versteckt wurde.


Und so irre ich wenig später in wütender Kopflosigkeit, aber zugegebenermaßen recht froh darüber, dass der einzig erträgliche Herrenabort im Untergeschoss immer noch dort zu finden ist, wo ich ihn zuletzt verlassen habe, durch marmorstrotzende Treppenstiegen, die zweifelsohne in ihrer bestechenden Gleichförmigkeit nur zu dem einen Zwecke konstruiert worden zu sein scheinen, nämlich meiner absoluten Orientierungslosigkeit in feindseligerweise zu-, ja vielmehr abträglich zu sein.


Gleich darauf und im sicheren Gefühl, bereits mehrere Tausend schweißtreibende Treppenstufen hinter, das heißt über mich, gebracht zu haben, begegnen mir die ersten Frack und Corsage tragenden Selbstdarstellungsseelen, die, zwar in Anbetracht eben jener Örtlichkeit, auf der, respektive in der wir uns befinden, recht versöhnlich schauend herübersehen, die aber alle drei die Treppe mir entgegen und also nach oben steigend begehen, mir dabei jedoch sogleich deutlich machen, wie falsch ich hier zu sein scheine. Da ich mich aber nun von solcherlei fremdverschuldeten Verunsicherungswirrnissen aus Prinzip nicht mehr desorientieren lasse, beschließe ich, nach einem absichernden Blick der Gruppe hinterher, meinen Abstieg in die Totenwelt der Kultur mit unbeirrter Sturheit fortzusetzen.


Und als ich schließlich, im wohlgemerkt ZWEITEN Untergeschoss, eben jenes sagenumwobene Auditorium Magnum entdecke, den Gläsernen Saal, dessen transparente Glashaftigkeit erstens nur vorgetäuscht und zweitens hier, tief inmitten der lichtfernen Wiener Stadterde wie ein Überbleibsel noch nicht dagewesener Zeiten wirkt, fühle ich mich dennoch, als habe sich der mehrstündige Passionszug in die Untiefen menschlicher Baubetriebsamkeit stigmatagleich in meine vor Angst krampfgespannten Waden eingebrannt.


Und wäre ich nun tatsächlich Thomas Bernhard – ich hätte jeden einzelnen Ton des jetzt beginnenden Konzertes in seiner vollumfänglich-harmonischen Sanftheit, aber im Schrecken eben jener zurückliegenden Brandmarkung einer menschenverachtend-mörderischen Odyssee in den mordrufenden Wiener Kulturhades, wohl niemals mehr genießen können.


Foto: Aufgenommen in Sintra, Portugal (1987)

Thomas Bernhard Nachlaßverwaltung Lizenz: Cc-by-sa-3.0-de



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